Verhagelte Bilanz

VON ANNE BÖTTGER, 02.09.11, 13:44h, aktualisiert 02.09.11, 23:21h

Halle (Saale)/MZ. Als in diesem Sommer die ersten Besucher mit Regenschirm unterm Arm ins Heidebad in Halle spaziert sind, staunte Mathias Nobel nicht schlecht. "Aber wie will man sich anders behelfen, wenn es warm ist, aber ab und zu regnet", sagt der 32-jährige Badbetreiber. Einen Sommer wie diesen hat Nobel noch nie erlebt. Mal Sonne, viel Regen, Unwetter und unbeständige Temperaturen haben ihm das Geschäft erschwert und seine Gäste fern gehalten.

Bisher konnte der Hallenser knapp 16 000 Badegäste zählen - sonst sind es doppelt so viel, erzählt der quirlige Mann. Immerhin kann der 32-Jährige hoffen, dass dieses Wochenende noch mal zahlreiche Gäste in sein Bad strömen. Sonne und Temperaturen, die bis an die 30-Grad-Marke steigen sollen, sagen die Meteorologen voraus. "Die Voraussetzungen sind günstig, vielleicht gibt es ja noch einmal einen Ansturm." Die Gesamtbilanz kann das nicht retten.

Wenn er aber an die vergangenen Monate denkt, winkt Nobel ab, verzieht sein Gesicht. Aber dann: "Ich glaube anderen Badbetreibern geht es noch schlechter." Er schätzt, dass in anderen Freibädern, die nur auf reinen Badebetrieb setzen, weit mehr als die Hälfte der Gäste ausgeblieben ist. Im Heidebad gibt es außerdem noch einen Kletterwald, Volleyballplätze, einen Imbiss und einen Eisstand.

Außerdem setzt der Gastronom, der das Bad vor fünf Jahren übernommen hat, jährlich auf Abendveranstaltungen, die Geld in die Kassen spülen sollen. In diesem Jahr aber, sagt Nobel, seien beide - ein Griechischer und ein Karibischer Abend - ins Wasser gefallen. Bis zu 5 000 Besucher strömten sonst pro Abend auf das Areal in Halle Nietleben. In diesem Jahr konnte Nobel 200 Gäste beim Tanzen im strömenden Regen beobachten. Noch dazu war es kalt: "Ein griechischer Abend am 2. Juli bei weniger als 15 Grad?" Nobel winkt wieder ab. Als Veranstalter muss man sich da ein dickes Fell zulegen. Nicht nur wegen des Wetters. "Eine Veranstaltung, die ein Jahr lang geplant wurde, ins Wasser fallen zu sehen, das tut weh", gibt der gelernte Elektroniker zu. Deshalb habe er bei der folgenden Karibischen Nacht gezögert: Am Ende hat Nobel durchgezogen. Geregnet hat es trotzdem. 11 290 Euro hat ihm der Abend gekostet. Der Großteil davon ist weg. "Das Wetter kann man eben nicht planen", sagt er.

Ob er sich noch auf den Wetterbericht verlässt? Auf einmal kann er lachen. Auch wenn er nach dem kleinen sorgenfreien Verschnaufer gleich wieder abwinkt. "Nur selten sind die Vorhersagen eingetroffen. Ich kann mich darauf nicht mehr verlassen." Und das schlimmste für ihn: "Die Leute vertrauen auf die Prognosen und kommen nicht ins Bad." Früher gehörte es zu seiner Routine, die Wettertrends zu beobachten und seinen Tag zu planen. "Heute muss ich mich auf mich selbst verlassen und wenn es nur ein Blick in den Himmel ist."

Bleiben die Leute fern, zieht sich Nobel in sein Büro zurück. Dort überlegt er sich mit welchen Ideen er sein Geschäft ankurbeln könnte, ob er lieber Brat- oder Bockwurst verkaufen sollte, verwaltet Kassenbücher, überprüft Rechnungen und pflegt die Internetseite des Heidebades. Zeit für die Büroarbeit hat Nobel in diesem Jahr oft gehabt. "In meinem Büro sieht es jetzt richtig gut aus", sagt er. Bei gutem Wetter sitzt er an der Kasse am Haupteingang und begrüßt die Leute. Am Freitag noch war der Haupteingang geschlossen. Ein kleines Schild weist die Besucher zum Seiteneingang. "Die wenigen Leute, die gerade kommen, können dort lang. Bezahlen tun sie später", sagt Nobel.

Arbeiten, die bei Wind und Wetter anfallen, hat der 32-Jährige aber alle erledigen können. Einen Zaun zum Beispiel hat er abgerissen, Pflanzen neu gesetzt und Sand aufgeschüttet. Mehrere Male stand er knietief im Wasser. Nicht im See, sondern vor den Hütten beim Kletterwald. "Nach den Unwettern kam das Wasser nur so aus dem Wald geschossen und ist einmal quer über den Strand gespült."

Zeit für ein Bad im 150 000 Quadratmeter großen See bleibt trotz aller Sorgen. Jeden Abend, wenn keine Besucher mehr da sind, geht Nobel mit seinen zwei Hunden spazieren, sucht sich ein ruhiges Plätzchen am Strand und schwimmt ein paar Runden. Sommer ist für ihn, wenn er an seinem Strand sein kann, sagt er. "Insofern hatte ich doch einen guten Sommer." Und wann haben seine Gäste einen guten Sommer? Vielleicht im nächsten Jahr.

 

Quelle

Artikel erstellt am 05.09.2011, letzte Aktualisierung am 05.09.2011 um 00:32
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