Darum ist schwimmen lernen so wichtig
Halle (Saale)/MZ. Krampf im Bein, ein Schreck oder ein plötzlicher Schwächeanfall, schwarz vor den Augen ... Es gibt kein SOS, alles passiert ohne Vorwarnung, von jetzt auf gleich. Und Schreie sind am Strand nicht zu hören. Da, eine Frau streckt den Arm weit aus dem Wasser. Sie braucht Hilfe - mitten auf dem Heidesee am Stadtrand von Halle. Das ist der Moment, auf den Rettungsschwimmer geeicht sind. Seit dem tödlichen Badeunfall vor kurzem in einem Dessauer Strandbad wird besonderes Augenmerk auf ihren Job gelegt.
Auf Notfall geeicht
VON RALF BÖHME, 28.06.11, 21:14h, aktualisiert 28.06.11, 21:23h
Zum Schluss schwimmt der Lebensretter - die geschwächte Person fest im Griff - an das sichere Ufer. (FOTO: ANDREAS STEDTLER)
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Lebensretter Rolf Mertens springt auf, verlässt seinen Platz unter dem blauen Sonnenschirm und nimmt Anlauf. Mit einem weiten Sprung taucht der Mann in die Fluten, krault mit ganzer Kraft in Richtung der Ertrinkenden. Sekunden später legt ein rotes Rettungsboot ab. Kollege Matthias legt sich in die Riemen.
Nahezu zeitgleich erreicht das Duo die Unglücksstelle. Das Opfer taucht gerade unter. Der Retter im Wasser wartet dennoch einen Moment. Dann taucht die Frau wieder auf, schlägt dabei wild um sich. Wo ist der Strohhalm, an den sie sich klammern kann? Auch das Boot bleibt zwei bis drei Meter auf Abstand. Mertens schiebt eine rote Rettungsboje zu der Ertrinkenden. Wer sich daran festkrallt, kann eigentlich nicht mehr untergehen. Was folgt, sind zwei Fehlgriffe. Dann klappt es - endlich. Das sichere Ufer erreicht die geschwächte Person im festen Rettungsgriff - ein Kraftakt.
Etliche Badegäste sind auf die Aktion aufmerksam geworden. Der ehemalige Verkehrspolizist Helfried Ratzel aus Halle-Neustadt verfolgt von einer kleinen Erhebung aus das Geschehen mit dem Fernglas und informiert sogleich laut alle Umstehenden, was er alles erkennen kann.
Aufgeregt fragen ihn die Kinder, ob da jemand ertrunken sei? Doch die Mädchen und Jungen aus mehreren Neustädter Grundschulen, die mit ihren Klassen einen fröhlichen Badetag erleben sollen, können beruhigt werden. Denn die gerettete Frau - die 23-jährige Katja Willer - muss nicht mehr das Opfer spielen. Plötzlich ist die braun gebrannte Einzelhandelskauffrau, die man bei schönem Wetter hier fast immer am Strand trifft, wieder quicklebendig.
"Es ist glücklicherweise nur eine Übung gewesen, aber eine sehr wichtige", sagt Student Matthias Merker, der seit fünf Jahren zeitweise als Rettungsschwimmer am Heidesee arbeitet. Und für seinen Kollegen Rolf Mertens, der schon 25 Jahre diese nebenberufliche Tätigkeit ausübt, steht fest: "Training unter realen Bedingungen ist ganz wichtig, um im Notfall richtig handeln zu können."

Test bei Hochbetrieb
Reale Bedingungen - das bedeutet am Heidesee: Hochbetrieb am Strand und im Wasser, erst recht am Dienstag - an einem der bislang heißesten Tage des Jahres. Luft 28, Wasser 24 Grad - da erweist es sich als goldrichtig, wenn statt der üblichen zwei auch einmal drei Rettungsschwimmer ihren Dienst versehen. "Sicherheit kann niemals eine Fehlinvestition sein", meint dazu der Besitzer der Badeanstalt am südlichen Rand der Dölauer Heide, Mathias Nobel. Er wisse, was man an einem ausgebildeten und erfahrenen Retter-Team habe, auch wenn das freilich mit Kosten verbunden sei. Eine gesetzliche Verpflichtung, Rettungsschwimmer zu beschäftigen, gibt es nicht.
Als klassisches Strandbad verzichtet das Heidesee-Bad auf mehr oder weniger riskante Wasser-Attraktionen. Ein kleine Rutsche genügt den Kindern, die sich dafür an Land auf Spielplätzen und in einem Kletterwald tummeln können. Rettungsschwimmer Matthias M: "Wir hatten hier mal ein Ponton im Wasser, aber das war zu gefährlich." Mit dem Abbau sei man den meisten Gästen entgegen gekommen, die sich - wie Umfragen belegen würden - ein naturnahes Familienbad wünschten.
Goldene Regeln
Alle zwei Jahre müssen Rettungsschwimmer ihr Können bei Prüfungen unter Beweis stellen. Ihre vorrangige Aufgabe sehen sie aber darin, auf Ordnung zu achten - im Wasser und am Strand. Da schwören die beiden Rettungsschwimmer die Besucher auf ihre goldenen Regeln ein. Dazu gehört: Wer nicht sicher schwimmen kann, bleibt im abgesperrten Nichtschwimmer-Bereich. Das müssen schließlich auch Eltern akzeptieren, die ihre Schützlinge mit Schwimmflügeln ausstatten und ihnen sogar erlauben, ins stellenweise bis zu 26 Meter tiefe Wasser abzudriften.
Schließlich soll aus einer Übung möglichst kein Ernstfall wird.